Aus der Region

Vom Zweifeln und Zaudern

„Am Anfang waren Himmel und Erde. Den ganzen Rest haben wir gemacht." Mir gefällt diese Imagekampagne das Deutschen Handwerks, auch wenn sie schon ein paar Tage alt ist.

Ganz schön selbstbewusst, denke ich - zurecht. Das weiß ich spätestens dann, wenn ich handwerklich mal wieder Hilfe brau­che und die Dinge danach auch noch nicht richtig funktionieren.

In den Tagen um Ostern herum bin ich aber dann doch noch ein­mal nachdenklich. Da spricht eindeutig die Mentalität von Ma­chern und so gut diese ist, wenn es darum geht, tätig zu sein, so sehr stocke ich, wenn ich auf Menschen treffe, für die es nie ein Problem gibt, die immer schon alles wissen und niemals zweifeln, vor allem nicht an sich selbst. Was ist sind schon Himmel und Er­de gegenüber dem ganzen Rest, den die Macher machen und gemacht haben?

Liege ich falsch, wenn ich vermute, dass wir trotz immer klarer werdender Grenzen und Krisen in einer Gesellschaft von Ma­chern und Robusten leben? Und damit meine ich bestimmt nicht das deutsche Handwerk. Wie ist es zu bewerten, wenn in der Ge­sellschaft immer mehr der Eindruck entsteht, dass viele Men­schen bereit sind, über Leichen zu gehen, um ihre Ziele zu errei­chen?

Vor einigen Jahren erschien das Büchlein „Über das Zaudern" des Berliner Kulturwissenschaftlers Joseph Vogel. Darin be­schreibt er das Zaudern als eine notwendige Unterbrechung, die uns selbst, unser Reden und Wissen noch einmal kritisch infrage gestellt... Und deutlich macht, wie heilsam dieser Schritt der Selbstdistanzierung und des Ernstnehmens Anderer für uns sein kann.

Ostern habe ich gelesen, dass das Zweifeln und Zaudern aus dem robusten Fischer Thomas, dem der Auferstandene acht Ta­ge später als den anderen Jüngern erscheint, einen Staunenden macht.

Vielleicht könnte so eine Thomas-Stunde, in der wir nicht mehr meinen, immer alles selbst machen zu müssen oder gar zu können, der Beginn einer geradezu österlichen Kultur der Gelassenheit für uns werden. Immer wieder einmal stehen zu bleiben und zu zögern, zu zaudern schafft einen Riss in unserem bis vor kurzem noch großspurigen Zeitalter.

Leonhard Cohen singt in einem seiner Lieder: „Theres’ a crack, a crack in everything - that's how the light get's in" (=Da ist ein Riss, ein Riss in allem, das ist der Weg, wo das Licht eindringt.)

Ich meine, es ist wohl gerade das österliche Freude Licht, dass da eindringen kann, wo nicht alles glatt geht, wo nicht alles machbar und problemlos erscheint. Unser Zweifel und manchmal auch das Zaudern können uns vielleicht wieder das Staunen leeren, über den Himmel und die Erde, und über den ganzen Rest.

Gott segne Sie!

Paßfoto G.Heibutzki Juli2014
Pastor Gerd Heibutzki
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